Wort zum 20. Sonntag nach Trinitatis, 29. Oktober 2017

„Bunt sind schon die Wälder“ … für drei unterschiedliche Menschen:

Der kleine Junge steht am Straßenrand. Mitten in einem Haufen Laub. „Komm endlich“ will die Mutter genervt zu ihm sagen. Doch plötzlich wird ihr klar: „Er sieht das zum ersten Mal.“ Die vielen Farben! Gelbe, orange und rote Blätter. Er staunt. Bald wird er mit hellem Lachen und roten Wangen das Laub in die Luft werfen, herumtollen und dann, eines Tages, achtlos mit dem Fahrrad darüber fahren, in Gedanken bei dem Mädchen aus der Parallelklasse.

Die junge Frau joggt durch den Wald. Viele Male hat sie das Buntwerden der Blätter gesehen. Aber sie kann sich nicht erinnern, es je bewusst wahrgenommen zu haben. „Wie wunderschön“ denkt sie, als sähe sie es zum ersten Mal. Sie läuft weiter und fragt sich, wohin ihr Weg sie noch führen wird.

Der alte Mann blickt auf seine Hände. Rissig sind sie geworden. Wie die hellbraunen Blätter, die so schön rascheln, wenn man sie in die Luft wirft. Er schaut auf. Durchs Fenster sieht er die Blätter fallen - und denkt an die Liebe seines Lebens. Es ist der erste Herbst ohne sie. „Was haben wir alles zusammen geschafft!“ erinnert er sich als langsam die erste Träne über sein Gesicht läuft.

Ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, im Leben hat alles seine Zeit: Träumen und Lieben, Bauen und Ernten, Lachen und Weinen, bei jeder und jedem zu unterschiedlicher Zeit. Für alle gleich bleibt bei diesem Farbenspiel des Lebens das Kommen und Gehen der Jahreszeiten.

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (1. Mose 8,22) verspricht Gott als er das bunte Zeichen seines Bundes mit uns Menschen in den Himmel setzt, den Regenbogen. Seine schillernden Farben und der Wechsel der Jahreszeiten erinnern uns: Was auch immer geschieht, Gott steht treu zu uns. Wenn wir vor Freude lachen und wenn wir vor Kummer schreien. Und er birgt uns in seiner Hand, wenn das letzte Blatt vom Baum unseres Lebens gefallen sein wird.

von Inga Schönfeld, Pfarrerin in der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Werther