Andacht zum 19. November 2023

Wer hat angefangen? Wer hat recht? Streitschlichten ist schwierig. Recht und Gerechtigkeit sind nicht immer dasselbe. So auch im Israel-Palästina-Konflikt. Seit biblischen Zeiten ist die Geschichte des Heiligen Landes komplex. Wem gehört was? Vieles ist bis heute strittig. Religiös begründete Ansprüche sind Zündstoff. Viele Staaten blockieren im eigenen Interesse eine Konfliktlösung. Die deutsche Solidarität mit Israel erklärt sich aus der Holocaust-Vergangenheit, darf aber nicht zum Schweigen zum Bruch von Völker- und Menschenrecht verführen. Ebenso wenig darf die unvorstellbare Grausamkeit der Hamas wegerklärt werden. Massaker bleibt Massaker! Die Evangelische Kirche in Deutschland sieht Opfer und Täter auf beiden Seiten und betont ihre „doppelte Solidarität“ mit Israel und Palästina – aber wie geht das praktisch?

Kein Frieden ohne Gerechtigkeit! Doch wie kommt man zu einem gerechten Frieden? Mit hartem Durchsetzen von Recht? Kann man ihn mit Gewalt erzwingen? Viele Bilder wollen uns von der Gerechtigkeitsvorstellung dessen, der sie in die Welt setzt, überzeugen. Sie provozieren Reaktionen: schüren Rachegedanken, säen Hass, rechtfertigen Gewalt. Sie machen ratlos, lassen verzweifeln.

Mir macht dieses Bild Hoffnung: Zwei Schuljungen, einer mit der jüdischen Kippa auf dem Kopf, der andere mit dem schwarz-weißen Palästinensertuch. Sie blicken lachend, miteinander redend, auf ihren Weg. Jeder hat einen Arm um die Schultern des anderes gelegt. Es gibt noch eine Variante des Motivs, mit zwei alten Männern; Jude und Palästinenser im Gespräch. Vielleicht sind es die Alten, die schon zu viel Leid gesehen haben, oder die ganz Jungen, die noch arglos sind, die uns Lachen und Gerechtigkeit lehren können und mit Offenheit und dem Blick für das Leiden des anderen einen gangbaren Weg zeigen.

Nie war der Frieden so greifbar wie vor bald 30 Jahren. 1994 erhielten Arafat und Rabin den Friedensnobelpreis für gegenseitige Anerkennung. Die Ermordung Rabins durch einen enttäuschten Fanatiker und der Ausbau illegaler israelischer Siedlungen waren der Anfang vom Ende ihres Friedenswegs. Er ist lang und schwer, aber nicht unmöglich. Es ist der Weg Jesu. Vor ihm haben sich alle letztlich zu verantworten. Das ist das Thema der Predigten des heutigen Sonntags. 

Kirsten Potz, Pfarrerin i. R., Ev. Kirche von Westfalen