Wort zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 06. September 2015

Am Sonntag, dem Tag der Landwirtschaft am Schloss Tatenhausen in Halle wird viel geboten. Unsere Augen können in mehrfacher Weise geöffnet werden, wie die Geschichte zu einem Gesangbuchlied zeigt: Anlässlich der Feier seines 50jährigen Dienstjubiläums spricht ein Bauer ein Tischgebet. Die Vornehmen unter seinen Gästen belächeln dies demonstrativ. Doch die Bauern aus der Nachbarschaft tragen ihre Lebenserfahrung bei, indem sie singen: “Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn!“
Das Lied ist ein Gotteslob und Protest zugleich: Sie belehren die eingebildet Klugen und klären auf.

Menschliche Allmachtphantasien werden durch die Erde selbst auf den Boden der Tatsachen zurückgeworfen. Nicht alles ist den Menschen machbar! Das wissen die Bauern aus ihren Erfahrungen beim Säen, Ackern, Warten und Ernten. Matthias Claudius hat diese Szene in einer Novelle im ausgehenden 18. Jahrhundert beschrieben und sich so mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein aufgeklärter Mensch an Gott glauben könne.

Bei aller Aufklärung und allem Verstehen von Wachstumsprozessen – letztendlich hat Wachsen, das Großwerden von Pflanzen und Lebewesen, etwas unerklärlich Faszinierendes. Das Leben besteht aus mehr als nur aus uns und unserem Bemühen. Es beinhaltet auch die Lebenskunst, die aus dem Glauben erwächst; die Lebenskunst nämlich, Raum für das Unverfügbare zu lassen und darin Gott am Werk zu sehen.

Das Werden unserer Nahrungsmittel geht zwar nicht ohne menschliches Zutun. Dennoch: Anstrengung und Fleiß zum Trotz liegt nicht alles in unserer Hand: Tau und Regen, Tag und Nacht, Sonne und Mondschein, das Werden selbst, können wir Menschen nicht beeinflussen. Die Früchte, die heranreifen, die geerntet werden, alle natürliche Nahrung, die wir zu uns nehmen, geht durch unsere Hände, kommt aber her von Gott.

Bei Matthias Claudius war das Lied, das wir aus dem Gesangbuch als Erntelied kennen, ursprünglich ein „Bauernlied“. Ausgehend vom bäuerlichen Leben thematisiert er seine eigene christliche Hoffnung, die Geborgenheit und Versorgung durch Gott aller persönlichen Sorgen zum Trotz. 

Von Beatrix Eulenstein, Pfarrerin mit sozial-diakonischen Aufgaben im Evangelischen Kirchenkreis Halle.