Wort zum 5. Sonntag nach Trinitatis, 05. Juli 2015

Lieber Leserinnen und Leser,

die Sommerferien haben begonnen. Bei Familie Z. laufen die Urlaubsvorbereitungen auf Hochtouren. Heute Nacht geht der Flieger nach Miami. Mutter Melanie rotiert. Die Klamotten der ganzen Familie liegen wild verstreut in der Wohnung. Keiner weiß genau, was er mitnehmen will.

Nur eins ist klar: Mehr als ein Koffer pro Person ist für die drei Wochen nicht drin. Tochter Annika liegt gechillt mit ihrem Handy auf dem Sofa und vertieft sich in ihre WhatsApp-Gruppe. Tochter Lea will in einer Stunde nochmal weg, Abschied feiern mit der Clique. Nun bekommt auch noch Vater Uwe einen Anruf aus dem Büro. Er muss nochmal zu einer Besprechung. Mutter Melanie ist außer sich. Lautstark fordert sie die Familie auf, mitzuhelfen bei den Reisevorbereitungen. Die Antworten der Töchter fallen genauso lautstark aus. Mutter Melanie fühlt sich im Stich gelassen. Anstatt einer entspannten Reisevorbereitung ist Chaos ausgebrochen. Das ganze Jahr hatte die Familie sich auf den dreiwöchigen Miami-Urlaub gefreut und jetzt liegen die Nerven blank.

Von dem Geschrei angezogen kommen Sara, Elli und Kira, die Töchter von Nachbarsfamilie F., durch die Terrassentür ins Wohnzimmer. Familie F. kann dieses Jahr nicht in Urlaub fahren, da durch den Kauf eines neuen Familien-Vans die finanziellen Mittel fehlen.

Muss schlimm sein für die drei Freundinnen, denken sich Annika und Lea, dass sie dieses Jahr keine aufregende Reise machen können. Doch Sara, Elli und Kira wirken gar nicht traurig. Sara kann nun den ganzen Tag auf den Reiterhof verbringen und sich um ihr Lieblingspferd kümmern. Elli hat eine Einladung von ihrem Patenonkel, der mit ihr Tennisspielen üben wird. Kira hat im Kindermusical auf der ortsnahen Freilichtbühne eine Hauptrolle bekommen, der sie sich mit ganzem Stolz widmet. Die drei Mädchen freuen sich auf wunderschöne Ferien. Wie gut, dass man das Schöne und Gute nicht immer in weiter Ferne suchen muss.

Wie oft ziehen Menschen aus, um in ihrem Leben den Sinn zu entdecken, mit dem Gefühl zu leben: Es ist gut, dass es mich gibt. Ich bin wichtig im Riesengefüge dieser Welt. Für manche bedeutet das Jahre voller Sinnreisen in verschiedene Kulturen, Weltanschauungen und Religionen. Hier nehme ich etwas mit, da nehme ich etwas mit. Viel probiere ich aus, vieles verwerfe ich wieder und kreise um den Sinn meines Lebens.

Andere sind glücklich in der Erfahrung, dass ich gar nicht so viel suchen muss, weil der Sinn unseres Lebens bereits feststeht, von Gott beschlossen. Was für eine Befreiung ist es dann, wenn man sein Leben in Gottes Hand legt, weil wir in seiner Begleitung gut aufgehoben sind. Der Schreiber des 27. Psalms drückt das so aus: „Der Herr ist mein Licht, er rettet mich. Vor wem sollte ich mich noch fürchten? Bei ihm bin ich geborgen wie in einer Burg. Vor wem sollte ich noch zittern und zagen?“ Wie gut, dass man das Schöne und Gute nicht immer in weiter Ferne suchen muss.

von Rüdiger Schwulst, Schulpfarrer in Versmold