Wort zum 2. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 2015

Martin Buber

Ein Rabbi sah einen Mann auf der Straße eilen, ohne rechts und links zu schauen. „Warum rennst du so?“ fragte er ihn. „Ich gehe meinem Erwerb nach,“ antwortete der Mann. „Und woher weißt du,“ fuhr der Rabbi fort zu fragen, „dein Erwerb laufe vor dir her, dass du ihm nachjagen musst? Vielleicht ist er dir im Rücken, und du brauchst nur innezuhalten, um ihm zu begegnen.“

Martin Buber hat solche Geschichten vom Innehalten aufgeschrieben: Die Erzählungen der Chassidim, der charismatischen Juden Osteuropas. Überraschend und tiefsinnig sind sie. Bodenständig und träumerisch zugleich. Sie stammen aus der untergegangenen Welt des Ostjudentums. Des Schtetl und seiner mystischen religiösen Lehrer.

Martin Buber ist am Rand dieser Welt aufgewachsen. Geboren wurde er am 8. Februar 1878 in Wien. Nach der Trennung seiner Eltern kam er zu seinen Großeltern nach Lemberg. Das heutige Lviv im Westen der Ukraine. Schon sein Großvater hatte dort chassidische Geschichten gesammelt.
Mit 18 Jahren ging Buber zurück nach Wien, wo er unter anderem Philosophie studierte. 1923 erschien sein philosophisches Hauptwerk: „Ich und Du“. Der Mensch wird erst mit einem Du zum Ich, schreibt Buber. Alles in der Welt kann nur durch seine Beziehungen verstanden werden. Sogar Gott.

Dass du Gott brauchst, mehr als alles, weißt du allzeit in deinem Herzen; aber nicht auch, dass Gott dich braucht, in der Fülle seiner Ewigkeit dich? Wie gäbe es den Menschen, wenn Gott ihn nicht brauchte, und wie gäbe es dich? Du brauchst Gott, um zu sein, und Gott braucht dich.

Bald nach diesem Buch begann er mit Franz Rosenzweig das Projekt seines Lebens: Die Übertragung der Hebräischen Bibel ins Deutsche. 36 Jahre lang arbeitete er daran. Und fand eine einzigartige Sprache.

Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. Gott sprach: Licht werde! Licht ward. Gott sah das Licht: dass es gut ist. Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis. Gott rief dem Licht: Tag! und der Finsternis rief er: Nacht! Abend ward und Morgen ward: Ein Tag.

Aus der Nacht des Nationalsozialismus gelang Martin Buber die Flucht nach Jerusalem. Nach dem Krieg unternahm er zahlreiche Vortragsreisen in alle Welt und setzte sich für Versöhnung ein. Der Reichtum des Lebens liegt in seinen Beziehungen – diese Entdeckung Bubers beeindruckt mich sehr. Beziehungen gelingen, wenn in ihnen etwas von Gottes Liebe spürbar wird. Am Samstag, 13. Juni, vor 50 Jahren ist er in Jerusalem gestorben.

von Sven Keppler, Pfarrer der Kirchengemeinde Versmold.