Wort zum letzten Sonntag nach Epiphanias

Achtung

„Sie haben den Propheten beleidigt!“ Aufgewühlte Gesichter von Niger bis Pakistan. Im Zorn wurden Frankreichpuppen aufgespießt und Kirchen angezündet. Einem Frankfurter Journalisten wurde die Zeitung aus der Hand gerissen und zerfetzt. Nur weil deren Titelbild eine Frau zeigte, welche die neueste Ausgabe von ‚Charlie Hebdo‘ liest. Solche Bilder seien „eine Beleidigung des Propheten“.

Mein erstes Gefühl – ich gebe es zu – ist genervt. Müssen sich diese jungen Männer denn so in ihr eigenes Beleidigt sein hineinsteigern? Manche scheinen ja geradezu auf den nächsten Anlass zu warten, um sich hysterisch über die neueste Ehrverletzung erregen zu können.

Ja, meine Güte, denke ich. Wenn ich jedes Mal beleidigt wäre, wenn der christliche Glaube verspottet wird… Sollen die „Ungläubigen“ doch spotten. Dass ich meinen Glauben ausüben kann, verdanke ich denselben Freiheitsrechten, die auch Muslimen und Atheisten zugutekommen. Ob man seine Freiheit dazu gebrauchen muss, andere zu verspotten, ist eine Frage von Geschmack und Charakter. Wer meint, andere ständig bloßstellen zu müssen, macht sich doch vor allem selbst lächerlich. Warum sollte ich mich also aufregen? Oder sogar „beleidigt“ sein?

Bin ich durch die Meinungsfreiheit abgestumpft? Nachdenklich hat mich eine Aussage des Papstes gemacht: „Wenn mein Freund meine Mama beleidigt, erwartet ihn ein Faustschlag.“ Erst war ich peinlich berührt. Mit solchen Worten hat der Papst jedoch in den Slums die Herzen erreicht. Genau darum geht es anscheinend. Beleidigt sind ja nicht die Selbstsicheren. Die Gewinner. Sondern viele, die am Rand des Wohlstandes leben. Deren Selbstwertgefühl angekratzt ist. Deshalb reagieren manche auf jede so empfundene Herablassung der „Westler“ mit neuem Zorn.

Paulus gibt im Römerbrief für solche Fälle einen klaren Hinweis. Wir sollen nicht rücksichtslos unsere Freiheitsrechte ausleben. Sondern versuchen, den Schwachen keinen Anstoß zu geben. Nicht, weil sie Recht haben. Sondern weil sie Achtung verdienen.

von Dr. Sven Keppler, Pfarrer in der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Versmold