21. Oktober 2012 - 20. Sonntag nach Trinitatis

Kennen Sie die Adlerwarte Berlebeck bei Detmold?
Wir kannten sie bislang nicht, und so haben meine Familie und ich vor einiger Zeit einen Ausflug dorthin unternommen. Man kann dort während einer Flugvorführung viele Vögel sehen. Der Falkner ließ Bussarde und Harpyien steigen, Milane und Falken. Leider war kein Kondor dort, denn der ist beim letzten Flug abgestürzt, weil die Adlerwarte nicht hoch genug in den Bergen liegt. Diese Greifvögel sind schon beeindruckend, wenn man sie fliegen sieht.

Plötzlich hatte der Falkner einen Steinadler auf dem Arm und ließ ihn fliegen. Der Adler ist längst nicht der größte und kräftigste unter den Vögeln, doch als der Adler seine Bahnen zog und immer wieder zum Falkner zurückkehrte, war eine besondere Spannung in der Luft. Der Adler verbreitete eine majestätische Atmosphäre wie kaum ein anderer Vogel.

Mir wurde sofort auf ganz neue Weise klar, warum es in dem schönen Lied „Lobe den Herren“ von Joachim Neander (EG 316,2) heißt, dass Gott uns auf „Adlers Fittichen sicher geführet“ hat. Gottes Fürsorge für uns Menschen hätte auch mit Bussards Fittichen oder mit Falkens Fittichen verglichen werden können. Aber erst wenn man einen echten Adler gesehen hat, wird klar, warum Gottes Größe mit der eines Adlers verglichen wird. So wie die Adlermutter oder der Adlervater bei Gefahr ihre mächtigen Flügel über ihre Jungen ausbreiten, so beschützt Gott auch uns Menschen. Unter seinen Fittichen können wir uns wirklich sicher und geborgen fühlen. Trotz vieler Schreckensmeldungen aus aller Welt bin ich mir ganz sicher: Gott verlässt uns nicht und gibt uns das, was wir zum Leben brauchen.

So heißt es in der zweiten Strophe: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?“ – Ja, ich habe es verspüret und verspüre es immer neu, dass Gott mich auf meinem Lebensweg begleitet, und von seinen Fittichen lasse ich mich gerne beschützen und führen.

von Jens Christian Weber, Synodalvikar und Pfarrer i.E. in der Kirchengemeinde Halle