22. Juli 2012 - 7. Sonntag nach Trinitatis

Wer das erste Mal in einem anderen Land zu Gast ist, kann sich leicht fremd fühlen. Das Essen schmeckt anders, die Sitten sind anders. Vor allem beim Sprung auf einen anderen Kontinent. Ohne Hilfe ist man unsicher. Wie finde ich mich in einer Stadt ohne Straßenschilder zurecht? Woher weiß ich, wann und wo der Bus fährt und wie ich an ein Ticket komme? Was ist das da auf meinem Teller? Was ziehe ich an und wie benehme ich mich, damit ich nicht anecke und unangenehm auffalle? Naseputzen in der Öffentlichkeit ist in Indonesien verpönt, jemanden direkt anzusehen gilt in vielen Ländern Afrikas als unverschämt. Findet man am neuen Ort Freunde, wird alles leichter und das Fremde kann zur Bereicherung werden und neue Perspektiven auf das eigene Leben schenken.

In der Fremde kann es aber auch einfach nur schön sein, z. B. wenn man im Urlaub als Gast freundlich aufgenommen wird. Das Bett ist gemacht, der Tisch gedeckt. Das Betthupferl liegt auf dem Kissen und andere kleine Aufmerksamkeiten machen den Aufenthalt angenehm. Man ist ja Gast. Schade nur, dass man wieder abreisen muss in den Alltag zuhause! Man ist eben nur Gast.

Wie anders ist das Leben dort, wo ich Familienmitglied bin. Wo ich zuhause bin, kenne ich mich aus. Nichts ist mir fremd. Alles ist wunderbar vertraut. Ich muss nicht fragen und kann alles nutzen – es gehört uns ja gemeinsam. Zum selbstverständlichen Alltag unter einem Dach gehören neben Rechten aber auch Verpflichtungen. Gemeinsam tragen wir die Verantwortung für das Zusammenleben. Und man kann sich nur wundern, wie oft sehr verschiedene Menschen, wenn sie  durch Liebe und Vertrauen verbunden sind, gut miteinander leben können.

Von solchen Erfahrungen redet der Wochenspruch für die kommende Woche aus dem Epheserbrief (Eph. 2,19):  „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“

Das Bild von Fremdheit und Freundschaft, von Gaststatus und Familienzugehörigkeit erklärt, warum Christen in aller Welt ganz selbstverständlich zusammengehören. Durch Gottes Vermittlung, durch die Versöhnung in Jesus Christus, hat er aus Fremden Freunde gemacht, aus Gästen verantwortliche Mitbürger in einer durch den Glauben an Gott verbundenen Gesellschaft und zu Hausgenossen. ‚Haus‘ bedeutete in biblischen Zeiten nicht nur ein Gebäude, in dem auch anonymes Nebeneinander in einzelnen Wohnungen möglich ist. ‚Haus‘ ist identisch mit der Lebensgemeinschaft in der Familie.

Wenn Sie in fernen Ländern eine Kirche besucht haben und in Kontakt mit den Menschen dort gekommen sind, wurden Sie bestimmt als Freund empfangen und gehörten gleich dazu. Ökumene, das ist nicht in erster Linie das Ringen um die richtige dogmatische Position. Ökumene ist mehr. Ökumene ist die weltumspannende Hausgemeinschaft unter einem Dach, und Gott wohnt auch in diesem ‚Haus‘. Eine schöne, ungemein bereichernde Erfahrung! Vielleicht lassen Sie sich ja in diesem Urlaub darauf ein. Und ich hoffe, dass die vielen Gäste und Fremden in unserem Land diese Erfahrung auch in unseren Gemeinden machen können.

von Kirsten Potz, Regionalpfarrerin für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung
in den evangelischen Kirchenkreisen Bielefeld, Gütersloh, Halle und Paderborn.