12. Februar 2012 - Sexagesimae

„Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ Diese Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja erinnern mich daran, wie ich einmal in Hamburg sonntagmorgens ganz früh auf dem Fischmarkt war. Das, so wurde mir gesagt, muss man unbedingt einmal erlebt haben. Vieles gab es dort auch sehr günstig zu kaufen. Aber den größten Aufmerksamkeitserfolg hatte der Händler, der ununterbrochen laut schreiend seine Ware anbot und zwischendurch beim Verkaufen von einer Bananenstaude hin und wieder die Bananen reihenweise abriss, sie in die Traube von Menschen vor seinem Wagen warf und dabei rief: „Hier habt ihr sie. Wenn ihr sie schon nicht kaufen wollt, dann gebe ich sie euch umsonst!“

Umsonst! – Faszinierend, wo doch „selbst der Tod kostet“,  wie es ein geflügeltes, aber doch sehr wahres Wort sagt, oder: „Ohne Fleiß kein Preis.“  

„Kauft umsonst...!“ sagt Jesaja. – Und immer mehr Menschen in unserem Land sind darauf angewiesen, kommen nicht mehr aus mit dem Einkommen. 1.000 Euro im Monat bei einem Fulltimejob in einer Leiharbeitsfirma plus Kindergeld. Das reicht nicht für die sechsköpfige Familie in meiner Nachbarschaft. Und auch für das seit langem arbeitslose Ehepaar ist der Hartz IV-Satz „zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben!“ Beschämend, wenn bei den einen Kühlschrank und Portemonnaie leer sind, der eine Euro für das Essen von der Tafel schon am Anfang des Monats zurückgelegt werden muss, und die anderen schlaflose Nächte mit Überlegungen verbringen, wie sie ihr Geld am besten und gewinnbringendsten anlegen. Ein Skandal, dass die Kluft zwischen Habenichtsen und Habenden immer größer wird, auch in unserem Land.

„Kauft umsonst...!“ sagt Jesaja und erinnert vor allem die Habenden daran, dass alle Menschen im Grunde davon leben, was wir uns nicht verdienen können. „Gott hat uns das Leben geschenkt“ sagen wir als Christen und bekennen ihn als Schöpfer. Gott geht mit uns auf den Wegen des Lebens. Bergauf und bergab ist er dabei mit seinem Schutz und seinem Segen. Und er hält uns auch noch da, wo wir nicht mehr hinschauen können. Umsonst und unverdient. Aber wenn wir unser Leben umsonst und unverdient, ohne unser eigenes Zutun bekommen haben, müssen wir dann nicht zumindest auch teilen, was wir zu viel und andere zu wenig haben? Müssen wir nicht mit dafür sorgen, dass es gerechter zugeht?

Wenn Sie fragen, ob Sie jetzt ein schlechtes Gewissen haben müssen, dann antworte ich: „Ja, wenn Sie sich angesprochen fühlen!“

von Dirk Leiendecker, Pfarrer in der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Versmold und Synodalassessor des Evangelischen Kirchenkreises Halle.