Wort zum 9. Sonntag nach Trinitatis, 13. August 2017

„Frösche müssen Störche haben“

In seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ von 1523 hat sich Martin Luther mit der Frage des Gehorsams gegenüber den Regierenden auseinandergesetzt.

Für Luther ist die weltliche Obrigkeit „Gottes Ordnung“ und man schuldet ihr daher Gehorsam in jeder Hinsicht – außer in religiöser oder „geistlicher“. In Glaubensdingen schuldet der Mensch nur Gott allein Gehorsam, „da kann ihm kein Kaiser und kein Papst dareinreden“. So lautet der reformatorische Grundgedanke von Martin Luther.

In diesem Zusammenhang erfindet er das wunderbare Bild: „Frösche müssen Störche haben“. Die Störche stehen dabei für die Obrigkeit, und die Frösche für das „normale“ Volk. Die Störche sorgen dafür, dass die Froschpopulation nicht überhandnimmt und zur Landplage wird. Luther meint: „Genauso wie die Störche die Frösche kontrollieren, muss es in der menschlichen Gesellschaft auch eine Obrigkeit geben, die dafür sorgt, dass die Menschen Frieden und Ordnung im Lande halten, weil die Menschen ohne solche Obrigkeit, die das Schwert von Gott hat (Röm 13), sich nur gegenseitig umbringen, berauben und betrügen.“

Indem Luther nun dieses Bild von den „Fröschen, die Störche brauchen“, in dieser Art verwendet, gibt er dem Verhältnis von Obrigkeit und Untertan eine geradezu naturgesetzliche Zwangsläufigkeit: Ohne Obrigkeit gäbe es nur Chaos! Um dem zu wehren, hat Gott eben die Obrigkeit eingesetzt – genauso wie alle anderen Naturgesetze, deren Zusammenhänge wohl durchdacht sind, letztlich dem Wohl des Menschen dienen.

Eine demokratische Gesellschaftsordnung, bei der die Menschen sich kraft Verständigung untereinander selbst organisieren und regieren, war für Martin Luther nicht vorstellbar. Sie würde Gottes Ordnung der Welt widersprechen.
Dieser in unseren Augen „demokratiefeindliche“ oder doch zumindest skeptische Grundzug der lutherischen Gesellschaftslehre hat vermutlich seine Wurzeln in einer falsch verstandenen Auslegung des vierten Gebotes.

 
Martin Luther hat bei seiner Auslegung der zehn Gebote etwas „gemogelt“. Wir haben in Luthers Auslegung zum Vierten Gebot gelernt „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren...“ das heißt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.“ - „Eltern und Herren“ schreibt Luther im Kleinen Katechismus 1529;  -  im biblischen Gebot selbst war nur von  „Vater und Mutter“ die Rede.  

Martin Luther hat dadurch, dass er „die Herren“ an dieser Stelle ergänzt hat, (dabei dachte er an die Lehrer, die  Arbeitgeber, die Großgrundbesitzer, die Obrigkeit), dazu beigetragen, dass das vierte Gebot unter dem Aspekt der Unterordnung und des Gehorsams verstanden wurde.

Kirche und Staat sozusagen als Vorbild für die Haltung der Protestanten gegenüber der Obrigkeit. Das war zu Luthers Zeiten durchaus einleuchtend, denn das reformatorische Gedankengut konnte sich seinerzeit nur durchsetzen, weil die zum neuen, lutherischen Glauben übergetretenen Landesherren für dessen Schutz einstanden. Sie, die weltlichen Herren, waren für das Wohl ihrer Untertanen zuständig, - die geistlichen Herren andererseits für das Heil ihrer Gläubigen.

Aber was ist mit den „Fröschen“ selbst, also den Untertanen, den Bürgern, den „normal“ Sterblichen?
Sie sind ja nach Luther einerseits zum Gehorsam verpflichtet gegenüber allen „Oberpersonen, die zu gebieten und zu regieren haben“, doch andererseits sind sie allein Gott und ihrem Gewissen verantwortlich.
Von dieser Verpflichtung war in der Folgezeit nur wenig zu spüren. Die Orientierung an der reformatorischen Auffassung, dass der Fürst die Verkörperung von Gottes weltlichem Regiment darstellt, lähmte die Initiative zur Eigenver=
antwortung, - lähmte auch die Vorstellung einer vom Volk ausgehenden Macht. Da scheint das Bild von den „Fröschen, die Störche haben müssen“ wieder auf.

Luthers Auslegung bewirkte eine Mentalität, die Strukturen und Institutionen als gottgegeben hinnahm und welche die Frage nach der Eigenverantwortlichkeit in den Hintergrund treten ließ. In dieser Mentalität war der Protestantismus offen für alle nationalen Strömungen, - anfällig auch für den Nationalsozialismus.

Luthers Bild von den Fröschen zeigt aber auch noch etwas anderes, nämlich die Verknüpfung von Masse und Macht. Denn es gilt auch umgekehrt: „Störche müssen Frösche haben.“  D.h.: Herrscher können immer nur soweit Macht ausüben, wie sie Menschen erreichen, die ihnen widerstandslos folgen. Hitler zB konnte auch darum so groß werden, weil er das protestantische Obrigkeitsideal verkörperte. Viele stimmten für ihn, weil sie ihm zutrauten, die gottgegebene Ordnung wiederherstellen zu können. Widerstand und Eigenverantwortung regte sich da nur sehr zögerlich.

Einer, der früh und laut Widerstand leistete, war z.B. der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Sein Aufsatz „Die Kirche vor der Judenfrage“ sorgte für Zündstoff, auch wenn sie ganz in lutherischer Tradition zunächst betont, die Kirche habe kein Recht, über staatliches Handeln zu rechten.

Aber dann argumentiert Dietrich Bonhoeffer: „Der Staat, der die christliche Verkündigung gefährdet, verneint sich selbst“ – und daraus folgert er u.a.: „Wenn der Staat ein Zuviel oder ein Zuwenig an Ordnung und Recht ausübt und über die Opfer hinwegrollt, ist die Kirche verpflichtet, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“
Nur wenige konnten oder wollten Bonhoeffers Gedanken damals mitdenken - und so entschied sich Bonhoeffer, in alleiniger Verantwortung vor Gott und seinem Gewissen, dem Rad in die Speichen zu fallen.

Nach dem Kriegsende hat in der evangelischen Kirche ein Umdenken eingesetzt. Macht wird kritischer betrachtet. Bedenken gegenüber Hierarchien und Autoritäten werden angemeldet.

Die Würde des Menschen als von Gott geachtetes und geliebtes Wesen wird im „Priestertum aller Gläubigen“ betont. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ hat Vorrang gegenüber autoritärer Bevormundung. Das Bewusstsein zu stärken, selbst zu entscheiden und selbst Verantwortung zu übernehmen, ist Aufgabe und Anspruch einer Kirche, die ihre Wurzeln in der Reformation und im Protestantismus hat.

In den friedlichen Demonstrationen und den „Montagsgebeten“ im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der DDR 1989 zeigte sich z.B. das neue Selbstverständnis des Protestantismus im Verhältnis zur Obrigkeit. - Und Luthers Satz “Frösche müssen Störche haben“ müsste heute vielleicht ganz einfach so heißen: „Sei kein Frosch!“

von Lothar Becker, Pfarrer i.R. in  Halle