Wort zum Sonntag Estomihi – 26. Februar 2017

Mensch, du hast’s gut

Ich stehe auf dem Bahnsteig und warte auf den ICE. Es ist kalt. Januarwetter. Die Menschen um mich herum haben ihre Kragen hochgeschlagen. Die Hände tief in den Taschen. Manche trippeln von einem Fuß auf den anderen, um sich zu bewegen und so etwas zu wärmen. Ein Mann kommt langsam torkelnd die Treppe zum Bahnsteig hoch. Er hat eine Flasche in der Hand. Sein Gesicht gerötet. Seine Kleidung ungepflegt. „Hoffentlich kommt der jetzt nicht noch auf mich zu…“, denke ich und gehe zur Seite. Aber es nützt nichts. Schwankend kommt er auf mich zu. Bleibt vor mir stehen, zeigt mit der geöffneten Schnapsflasche auf mich: „Glaubst du an Gott…?“ lallt er mich an. „Nein, jetzt nicht noch so was“, denke ich. Schließlich murmele ich unwillig: „Ja, eigentlich schon“. „Mensch, hast du‘s gut“ sagte er und schwankt weiter an mir vorbei.

Der ICE rollt ein. Ich suche meinen Platz. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Geräuschlos. Noch einmal sehe ich den Mann auf dem Bahnsteig. Niemand nimmt Notiz von ihm. „Mensch, du hast es gut“ hatte er gesagt auf mein verlegenes Bekenntnis zu Gott. Für einen Moment wurde mir klar, es bedeutet viel, wenn ich glauben kann. Wenn ich innerlich etwas habe, das auch dann noch Halt gibt, wenn das Leben zerbricht. Plötzlich sah ich diesen Mann noch einmal anders. Stellte mir vor, wie er in diese Situation gekommen sein mochte. Vielleicht das Scheitern einer Ehe, ein Zerwürfnis mit den Kindern; nicht wegkommen können von der Flasche. Arbeitslosigkeit. Immer weiter abrutschen auf der sozialen Skala.

Jetzt war er ganz unten angekommen. „Mensch, du hast es gut…“ Dieser Satz bezog sich nicht auf meinen Wohlstand, meine Kleidung, meinen sozialen Status. Er bezog sich auf meinen Glauben. Auf meine innere Beheimatung. Mein Gegenüber, an das ich mich wende, wenn ich sonst niemanden mehr habe. Mein Vertrauensgrund auf dem ich lebe. Dieser Mann hatte mich nach Gott gefragt, weil er ihn vermisst. Ihn nicht finden und nicht an ihn glauben kann. Ihm fehlt ein inneres Zuhause. Ein Geborgen- und Aufgehoben sein in einer größeren Macht als seiner eigenen.

Dieser Mann hat mir bewusst gemacht, was ich wie selbstverständlich hingenommen und vergessen hatte: Es bedeutet viel, wenn wir glauben und Gott als unseren Vater und Herrn ansprechen können. Ich hatte auch vergessen, dass es den Hunger nach Gott gibt. Jener Hunger, der unter der Abwesenheit Gottes leidet. Vielleicht hätte der Mann sich in den Worte des Psalms 143 wiedergefunden: „Ich breite meine Hände aus zu dir; meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land. Herr, erhöre mich bald, mein Geist vergeht, verbirg den Antlitz nicht vor mir, dass ich nicht gleich werde denen, die in die Grube fahren“. (Ps. 143, 6f)

von Hans Schmidt, er lebt als Pfarrer im Ruhestand in Halle und ist Dozent an der Fachhochschule der Diakonie in Bethel.