Andacht zum 3.Advent, 11. Dezember 2016

Liebe Leserin, lieber Leser!

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“

Das Adventslied von Jochen Klepper, dessen erste Strophe ich hier zitiere, gehört für mich zu den schönsten, die im Gesangbuch stehen. Jedes Jahr warte ich darauf, dass es in einem Advents- oder Weihnachtsgottesdienst gesungen wird. Das liegt zum einen an der Melodie, die mir gefällt, zum anderen aber auch daran, dass beim Singen des Liedes immer auch das persönliche Schicksal dieses sprachlich und theologisch so sensiblen Liederdichters mitschwingt. Der Mann, der hier in trostvollen Worten das Kommen des Morgensterns besingt, sah am Ende seines Lebens für sich und seine Familie kein Licht der Hoffnung mehr am Horizont. In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 nimmt sich Jochen Klepper zusammen mit seiner Familie angesichts der erdrückenden Repressalien der Nationalsozialisten das Leben.

Anders als andere Advents- und Weihnachtslieder ist dieses Lied auf einen traurigen Unterton gestimmt. Es weiß darum, dass es viele Menschen gibt, die sich zur Weihnachtsfreude jedes Jahr aufs Neue durchringen müssen. Es sind Menschen, die von schweren Krankheiten oder Verlusterfahrungen gezeichnet sind. Menschen, die vielleicht die Vergeblichkeit ihres täglichen Mühens verspüren und müde geworden sind. Menschen, für die Gott „im Dunkeln“ wohnt, wie es die letzte Strophe des Liedes andeutet. Ihnen wird hier gesagt, dass in Jesus Christus Gottes unverbrüchliche und bedingungslose Liebe zu uns Menschen offenbar wird. Manchmal kann man das nur ganz schwach wahrnehmen. Gottes Liebe ist dann nicht wie eine Sonne, sondern eben „nur“ wie ein Morgenstern, der langsam durch die Finsternis hindurchbricht. Aber die Sonne wird kommen, der Morgenstern kündet davon. „Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her“, so heißt es in Strophe 4.

Ich wünsche uns allen, dass dieses Licht des Morgensterns, das Jochen Klepper besingt, durch die Lichter von Advent und Weihnachten zu uns hindurchscheinen möge.

von Pfarrer Thilo Holzmüller, Schulreferent des Evangelischen Kirchenkreises Halle