Wort zum Ewigkeitsonntag, 20. November 2016

Ein bemerkenswertes Kunstwerk steht mitten auf dem Alten Friedhof in Halle. Vier Meter hoch, ist es nicht zu übersehen: ein Kreuz in einer offenen Tür. Der Borgholzhausener Künstler Johannes Schepp hat diese Stahlskulptur geschaffen. Auf dem ehemaligen Gräberfeld zieht es die Blicke der Besucherinnen und Besucher der mittlerweile zu einem Skulpturenpark umgestalteten früheren Begräbnisstätte auf sich. Mehr noch: Anders als die meisten Kunstwerke lädt es nicht nur zum Betrachten und Bedenken ein, sondern auch zum Begehen. Die Besucherinnen und Besucher können unter dem Kreuz durch die Tür hindurchgehen.

Das tote Material beginnt zu reden. Und das ist ganz im Sinne von Johannes Schepp, der früher am CJD-Gymnasium in Versmold das Fach Kunst unterrichtet hat. Schon der Rost ist ein Hinweis auf die Vergänglichkeit des Lebens, woran auch die übrig gebliebenen Gräber ringsum erinnern. Alles Leben ist endlich, vergeht. Das Kreuz gilt als Zeichen für das Ende. An Straßenrändern erinnern sie hier und da an Menschen, die bei einem Verkehrsunfall ihr Leben verloren haben.

Seit der Kreuzigung Jesu ist das Kreuz ein altes christliches Symbol. Aber nicht nur für den Tod, sondern auch für das Leben, denn Christus ist nicht im Tod geblieben, sondern am dritten Tag auferstanden. Nur selten wird dieser Zusammenhang in der Kunst zum Ausdruck gebracht wie etwa beim Triumphkreuz in der Bockhorster Dorfkirche. Oder eben bei der Stahlskulptur auf dem Haller Skulpturenpark: Das Kreuz in einer geöffneten Tür, sogar in einer, durch die man gehen kann.

Das Kreuz, der Tod ist nicht das Ende. Daran glauben Christen. Es erwartet sie eine geöffnete Tür. In einem Kirchenlied aus dem 16. Jahrhundert wird das in der Sprache der damaligen Zeit so ausgedrückt: „So schlaf ich ein und ruhe fein; kein Mensch kann mich aufwecken denn (als) Jesus Christus, Gottes Sohn; der wird die Himmelstür auftun, uns führn zum ewgen Leben.“

Das Kreuz in der geöffneten Tür: So wird der Totensonntag zum Ewigkeitssonntag.

von Udo Waschelitz (Halle), Laienprediger der Evangelischen Kirche