Wort zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 31. Juli 2016

Keine Steine in den Weg legen

Für viele Christen ist der tägliche Griff zum Losungsbuch eine liebe Gewohnheit. Einzelne Bibelverse sind darin als Impulse für jeden Tag des Jahres notiert. Für den 31. Juli steht da die Mahnung aus einem Psalm: „Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten.“ (3. Mose 19,14) Ist dieser Hinweis nicht völlig überflüssig? Wer sollte schon so gemein sein und einem Blinden ein Hindernis in den Weg legen?

Ich begleite eine blinde Frau in Versmold auf ihrem Weg zur Apotheke. Der an einer Stelle ohnehin schmale Gehweg ist mit einem Motorrad verstellt. Die Frau muss mit ihrem Rollator auf die Fahrbahn ausweichen – ein schon für sehende Menschen gefährlicher Vorgang.

In Halle hat der städtische Tiefbauausschuss im Jahr 2007 beschlossen, mehrere Fußgängerampeln mit akustischen Signalen auszustatten, so dass blinde und sehbehinderte Menschen hören können, wenn die Ampel grün zeigt. Die geriffelten Bodenplatten zum Auffinden der Ampelmasten sind seit längerer Zeit verlegt, aber auf die Töne warten die Betroffenen immer noch, und das neun Jahre nach dem erfreulichen Beschluss der Politiker.

Seit die Vereinten Nationen 2006 die Behindertenrechtskonvention verabschiedet haben, ist viel von Inklusion, gleichberechtigter Teilhabe, Förderung und Barrierefreiheit die Rede. Doch es dauert lange, bis große Ziele in kleinen Schritten erreicht werden. Immer noch werden Menschen mit Behinderungen Steine in den Weg gelegt. Auch in den Köpfen aller Menschen müssen Barrieren beseitigt werden. Zum Beispiel steht einem unbefangenen Miteinander die weit verbreitete Meinung im Weg, Behinderung sei eine Strafe Gottes. Obwohl Jesus den Zusammenhang für völlig abwegig erklärt hat, geistert dieser Aberglaube immer noch herum.

Es sind noch viele Barrieren von den Straßen und aus den Köpfen zu beseitigen. Die 3.000 Jahre alte biblische Mahnung für den 31. Juli ist (leider) immer noch aktuell.

von Udo Waschelitz, ehrenamtlicher Synodalbeauftragter für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge im Evangelischen Kirchenkreis Halle