Andacht zum 8. Sonntag nach Trinitatis, 17. Juli 2016

Bis vor etwa zehn Jahren lebten meinen Familie und ich auf dem elterlichen Bauernhof in Werther/Theenhausen. Ich bin dort aufgewachsen und fühle mich dort nach wie vor zu Hause. Vor etwa 20 Jahren restaurierten wir den Giebel über dem Deelentor. Auf einer völlig verwitterten Tafel über dem Eingang entdeckten wir einen Bibelvers, der kaum noch zu lesen war. Wir konnten gerade mal ein paar Worte entziffern, gaben sie dann in ein Suchprogramm in den Computer ein und bekamen tatsächlich den Bibelvers heraus, den wir dann ganz sorgfältig mit Farbe und Pinsel über dem Deelentor nachmalten. Heute ist er wieder ganz zu lesen, wenn man vor dem alten Bauernhaus steht. Der Vers lautet: „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Ich kann mir vorstellen, dass meine Vorfahren sehr stolz waren, als sie um 1900 das große Bauernhaus errichtet hatten. Bruchsteine waren mit Pferd und Wagen aus dem Berg herangefahren und mit der Hand behauen worden. Stein für Stein setzten sie aufeinander, bis nach unzähligen Arbeitsstunden das stattliche Gebäude endlich fertig war. Und dann entschieden sie sich dafür, einen Bibelvers über den Eingang zu setzen, und sie wählten diesen Vers aus.

Das Haus war fertig. Das Ziel monatelanger Arbeit war erreicht. Aber trotzdem reichte ihr Blick weit über dieses Haus und diesen Hof hinaus. „Wir werden hier wohnen, einige Jahre, vielleicht einige Jahrzehnte, und dieses wird unser Zuhause sein, aber: Wir haben hier keine bleibende Stadt, wir werden hier nicht ewig bleiben, denn einmal werden wir umziehen in ein anderes Haus, in dem wir ewig bleiben können. Einmal wird jemand anders Besitzer dieses Hofes sein. Einmal wird jemand anders die Ernte einfahren und die Tiere füttern. Einmal wird jemand anders die Äpfel und Kirschen im Garten pflücken.“

Meine Vorfahren wollten sich immer wieder daran erinnern, dass es noch mehr gibt als dieses Haus, diesen Hof, dieses Leben. Jedes Mal, wenn sie durch das Deelentor gingen, fiel ihr Blick auf diesen Bibelvers, der sie an das Leben bei Gott erinnerte.

Ich wünschte mir so einen Bibelvers über jeder Haustür. Einen Bibelvers, der uns die Augen dafür öffnet, dass es mehr gibt als 70 oder 80 Jahre hier auf diesem Planeten, und der eine gespannte Erwartung auf die zukünftige Stadt weckt. Es lohnt sich, sich mit dieser Hoffnung auseinanderzusetzen. Sie verändert und bereichert unser Leben wie keine andere Hoffnung dieser Welt.

von Bernd Eimterbäumer, Pfarrer der Evangelischen-Lutherischen Kirchengemeinde Halle