Andacht zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juni 2016

Im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum 2017 fiel mir das Buch in die Hände „Was müsste Luther heute sagen?“ Heiner Geißler hat es geschrieben. Das Buch enthält viele bemerkenswerte Feststellungen über die evangelische und die katholische Kirche. Verwundert hat mich, was Geißler über einen Verwandten berichtet. Der sei aus der evangelischen Kirche ausgetreten, weil er es leid gewesen sei, an jedem zweiten Sonntag vom Pastor von der Kanzel zu hören, dass er ein sündiger Mensch sei, und dies habe anschließend im Gottesdienst auch noch singen müssen.

Später schreibt Geißler: „Die Behauptung Luthers, die Natur des Menschen sei von der Bosheit ganz durchsäuert, mag zwar bei einigen ultrafrommen Leuten wohliges Gruseln hervorrufen, ist aber absolut menschenunwürdig. Denn kein moderner, anständiger, wohlgesinnter, diakonisch tätiger Mensch wird sich in dieser Form beleidigen und herabsetzen lassen, weil dies ja auch der Realität nicht entspricht.“

Ich möchte Geißler vehement widersprechen. Denn ich bin froh darüber, dass es in der Bibel Worte gibt wie: „Das Wort ist glaubwürdig und wert, das man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.“ (1. Timotheus 1,15) Ich freue mich über Lieder wie: „Jesus nimmt die Sünder an“. Denn diese Lieder enthalten den Kern der christlichen Botschaft: Gott kennt uns durch und durch. Er liebt uns und ist bereit, uns zu vergeben! Wer diese Botschaft beherzigt, erkennt ihren einzigartigen Wert. Denn wie viel zum Himmel Schreiendes gibt es auf der Erde! Und es ist doch letztlich das Ergebnis von menschlichem Versagen und menschlicher Schuld.

Ich wundere mich darüber, warum Gott dem Geschehen auf der Erde noch kein Ende gesetzt hat. Offenbar nur deshalb, weil er gnädig und barmherzig ist. Deshalb sind Lieder, die manche nerven, für mich Lieder voller Trost. Ja, ich möchte weiter darauf bauen, dass Gott mir und uns allen vergibt und uns Zukunft schenkt. 

von Heinz-Jürgen Luckau, Pfarrer im Ruhestand in Steinhagen