Wort zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 29. Mai 2016

Es gibt Lieder, die anscheinend zeitlos sind: uralt und doch nach wie vor in aller Munde. Dazu gehört zweifellos der Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ (EG 317 / GL 392). Ob bei Geburtstags-, Hochzeits- oder Trauerfeiern, er wird von Protestanten wie Katholiken gleichermaßen gekannt und gekonnt, oft sogar auswendig. Text und Melodie reißen mit, richten auf, regen zum Durchatmen an.

Dabei sind sie alles andere als originell. Der Dichter, Joachim Neander (Neumann), schöpft seine Verse aus dem breiten Strom biblischer Psalmenüberlieferung und bringt sie mit Hilfe eines zeitgenössischen Studentenliedes zum Klingen. Von wegen Copyright! Für das Gotteslob wie für den christlichen Glauben insgesamt gilt: Hier wird nichts „erfunden“, sondern alles von anderen empfangen und mit anderen geteilt. Die Kirche hält einen riesigen Pool von Inspirationen vor, aus dem jeder Mensch sich in Herz und Mund „downloaden“ darf, was ihm hilft, seine Gedanken und Gefühle zu äußern. So wird sein – ja durchaus als zwiespältig erfahrenes – Leben auf Gott hin gedeutet und in eine erhellende Perspektive gerückt: „Er ist dein Licht.“ (Str. 5)

Neander selbst ist bereits nach 30 leidvollen Lebensjahren (am 31. Mai 1680) gestorben, wohl an der Pest. Aber nicht nur durch sein(e) Lied(er), auch auf sehr kuriose Weise lebt sein Name unauslöschlich fort. Seit 1856 in einem nach ihm benannten Flusstal östlich von Düsseldorf Knochenreste einer bis dahin unbekannten, prähistorischen Menschenrasse, des „Neandertalers“, entdeckt wurden, kennt und nennt ihn jedes Kind. Sein eigentliches Vermächtnis an die Nachwelt ist jedoch nicht vorzeitlicher, sondern im Gegenteil zeitloser Natur: „Lobe den Herren … Seele, vergiss es ja nicht …“ (Str. 5).  

von Hartmut Splitter, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Werther