Andacht zum letzten Sonntag nach Epiphanias, 17. Januar 2016

„Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht!“ Ein Satz aus dem in unserer evangelischen Kirche vorgesehenen Predigttext für Sonntag, den letzten Sonntag nach Epiphanias, und damit dem Ende des Weihnachtsfestkreises. Liturgische Farbe: weiß.

Zu schön, um wahr zu sein, denke ich und spüre meine inneren Widerstände. Nach den abscheulichen An- und Übergriffen in der Silvesternacht auf hunderte Frauen in deutschen Großstädten, die nur fröhlich feiern wollten, sollten wir doch eigentlich Trauer und damit schwarz tragen. Keine Angst? Von wegen! Nur langsam haben sich viele Betroffene getraut, den Schritt zur Anzeige zu wagen. Zu tief sitzt das Entsetzen, hat die Scham davon abgehalten, Erlebtes in Worte zu fassen und zu Protokoll zu geben. Gut, dass sie sich nun melden; ein erster Schritt zur Verarbeitung des erlittenen Traumas.

Die Bestürzung aber geht über die Gruppe der Opfer hinaus. Das Geschehen macht fassungslos und wütend. Das christliche Menschenbild spricht von Liebe und Zuneigung und dem freien Willen zwischen zwei Menschen als Voraussetzung für das sich Näherkommen – ohne Bedrängnis und angstfrei. Ein anderes Verhalten ist mit Nichts zu entschuldigen, und wer es an den Tag legt, ist nicht willkommen in unserer Gesellschaft, egal, ob er hier geboren, zugezogen oder als Flüchtling im Asylstatus ist. Schade nur, dass es nun gerade denen Auftrieb gibt, die es ja schon immer gewusst haben. Wie schnell hat sich der braune Mob formiert!

Ja, auch ich mache mir Sorgen angesichts dessen, was in Teilen der Welt vor sich geht, verstehe nicht, warum in Europa zwar über den Krümmungswinkel einer Banane Einigkeit herrscht, die gerechte Verteilung von Flüchtlingen aber zu Zerwürfnissen führt. Auch ich fühle mich manchmal bedrängt, weiß aber aus eigener Erfahrung, dass Angst ein ganz schlechter Ratgeber ist und nicht guttut.

Für mich heißt das: Unsere klare Kante muss gezeigt werden, jedoch nicht ohne den dialogbereiten Blick nach vorne, weil das Licht, das zu Weihnachten in die Welt gekommen ist, auch über den letzten Sonntag nach Epiphanias hinaus noch die Finsternis erleuchtet und unseren Weg erhellt.

von Dirk Leiendecker, Pfarrer in Versmold