Wort zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 16. August 2015

Ein ungewohnter Anblick bietet sich den Besuchern der evangelischen Dorfkirche in Halle-Hörste: Mitten in den Holzreliefs über dem Altar ist die Krönung Mariens zur Himmelskönigin zu sehen. Die Szene überragt alles, als wäre sie dem unbekannten Meister, der die Holzreliefs roh geschnitzt hat, das Wichtigste gewesen.  Christus krönt seine Mutter nach ihrem Tod und ihrer Aufnahme in den Himmel zur Königin. Der Herr des Himmels und der Erde lässt seine Mutter an seiner Herrschaft teilhaben.

Der Gedenktag „Mariä Himmelfahrt“ am 15. August ist ein katholischer Feiertag, in Österreich und in großen Teilen Bayerns und des Saarlands sogar arbeitsfrei. In der evangelischen Kirche spielt dieser Tag ebenso wie Maria überhaupt kaum eine Rolle. Außer bei Krippenspielen zu Weihnachten kommt sie nur selten vor. Und dann dieses Bild in der evangelischen Dorfkirche Hörste!

Der Altar ist wahrscheinlich um das Jahr 1360 entstanden. Ungefähr 200 Jahre später wurde die Hörster Kirche im Zuge der Reformation evangelisch, aber der Altar mit seinen neun Reliefs blieb bis heute erhalten und wurde erst kürzlich restauriert. Zu sehen sind Szenen aus der Leidensgeschichte Jesu, seine Auferstehung und die zwölf Apostel. Und mittendrin Maria.  Für manche evangelische Christen ist das Bild befremdlich. Sie halten Maria für „katholisch“. Doch die jüdische Frau ist auch „evangelisch“, die Mutter Jesu, eine demütige, bescheidene und gläubige Frau. „Maria verdient es, als Leitfigur neben die Apostel und Propheten gestellt zu werden“, schrieb schon vor 28 Jahren der evangelische Theologieprofessor Walter Hollenweger. Ihre Art des Glaubens könne vielen heutigen Menschen Wegweiser sein.“

Der Glaube an die Aufnahme Mariens in den Himmel und an ihre Krönung hat sich schon in der frühen Christenheit entwickelt und Künstler vieler Jahrhunderte beschäftigt. War es wirklich so, wie es sich der Schöpfer des Hörster Altars gedacht hat? Über das Leben nach dem Tod gibt die Bibel keine genaue Auskunft. Aber das Bild von der Krönung Mariens kann als Hoffnungszeichen verstanden werden, als Hinweis auf das, was in der Bibel allen Gläubigen von Christus in Aussicht gestellt ist: „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

von Udo Waschelitz (Halle); er war Kirchenjournalist und ist Laienprediger der Evangelischen Kirche.