Wort zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 09. August 2015

Angst vor Fremdem

Der junge Vater sitzt rittlings auf einem Zaun. Er versucht einem Kleinkind im rosa Kapuzenjäckchen hinüber zu helfen. Der Zaun ist hoch. Er steht in Calais, und der Vater gehört zu denen, die alles verloren haben: Heimat, Arbeit, Familie, Besitz. Gutes Leben in Sicherheit und Frieden gehören der Vergangenheit an. Zukunft gibt es für ihn und seine Tochter nur jenseits des Zauns. Doch in Europa warten Stacheldraht, Zäune, Gewehre und Schlagstöcke.

Vergangene Woche habe ich die Zentrale Unterbringungseinrichtung für Flüchtlinge in Borgentreich besucht. Etwas beklommen fuhr ich los: Wie würde es sein, Menschen zu begegnen, die von Krieg und Verfolgung traumatisiert sind, deren Sprache ich nicht spreche, mit denen mich nichts verbindet? Einige sehe ich schon, bevor ich auf dem ehemaligen Kasernengelände ankomme. Sie sind unterwegs zum Einkaufen, erfahre ich. Das wöchentliche Taschengeld tut ihnen gut, weil es ihnen etwas Würde und Selbstbestimmung zurückgibt. Auch dem örtlichen Handel tut ihr Geld gut.

Der Sicherheitsdienst am Eingang ist freundlich, nicht nur zu mir. So geht es also auch, denke ich. 600 statt der vorgesehenen 500 Menschen leben zurzeit hier, für zwei bis drei Wochen, bis sie einer Kommune zugewiesen werden, falls sie nicht zurückgeschickt werden. 20 Nationen sind auf dem weitläufigen Gelände vertreten, vor allem Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und Albanien; trotzdem ist die Stimmung entspannt. Im Raum für die Drei- bis Zwölfjährigen wird emsig gemalt, häufig die deutsche Flagge, und Blumen und Schmetterlinge – Bilder des Friedens. Meine Beklommenheit weicht. Vor allem Kinder und Jugendliche sprechen mich an, stolz auf ein paar Brocken Englisch oder Deutsch: „Ich heiße… - und du?“ Wie so oft: Die Angst vor Fremdem löst sich auf, wenn man sich in die Augen schaut, anlächelt, Interesse am Gegenüber zeigt.

Später fallen mir biblische Begegnungen mit Fremden ein: die drei Männer bei Abraham mit ihrer großartigen Verheißung; der unbekannte Begleiter auf dem Weg nach Emmaus, der die Trauer vertreibt; der unbequeme Widersacher, mit dem Jakob zu ringen hat... All das waren Begegnungen mit Gott – nicht leicht zu erkennen, wenn er so ganz anders daherkommt als erwartet. Der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Damian, der das Borgentreicher Gelände gekauft und zur Verfügung gestellt hat, ist überzeugt, dass Gott in jedem Flüchtling verkörpert ist, der für einige Zeit hier Gast ist, ein Dach über dem Kopf, zu essen und Kleidung bekommt und ärztlich versorgt wird. Und ist damit ganz auf der Linie Jesu, wie Matth. 25, 37-40 zeigt. Welche Chance vergeben wir uns, wenn wir dicht machen vor den Fremden?

Von Kirsten Potz, Pfarrerin für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (MÖWe) in den Kirchenkreisen Bielefeld, Gütersloh, Halle und Paderborn