19. April 2015 - Misericodias Domini

Erinnern zur Versöhnung

24 April: 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern

Wenn wir am 24. April die Kirchenglocken läuten hören, dann laden sie uns ein, an die tausenden Glocken aus geplünderten armenischen Kirchen zu denken, die bei Krupp in Essen in Kanonen umgeschmolzen wurden. Dies geschah im Zuge des Völkermordes an den Armeniern, der 1915 seinen Höhepunkt hatte und an den am nächsten Freitag, 24. April, erinnert wird. Nur wenige von uns wissen etwas über den Mord an 1,5 Millionen Armeniern und 500.000 aramäischen Christen. Fast unbekannt ist, dass auch das Deutsche Reich als Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches diesen Völkermord zumindest billigend in Kauf genommen hat. Wenige wissen von Pastor Lepsius, der sich für eine Verhinderung der Katastrophe vergeblich eingesetzt hat.  Teilweise ist diese Erinnerungslücke gewollt. Ein Beispiel: Der Wunsch der aramäisch-syrischen Gemeinden in Gütersloh nach einem Mahnmal für ihre ermordeten Vorfahren wird auch heute noch von vielen offiziellen Vertretern der türkischen Regierung als Anfeindung und nicht als Chance zur Vergangenheitsbewältigung verstanden.

Millionen von Menschen haben ihre Vorfahren verloren, und bis heute ist das Erinnern daran schwierig. Verdrängte Vergangenheit erschwert die Versöhnung. Aber es ist für mich ein Zeichen der Hoffnung, wenn ein türkisch-stämmiger Regisseur wie Fatih Akin mit „The Cut“ einen Film über den Völkermord gedreht hat. Der verstorbene Katholikos aller Armenier, Vasgen I., hat 1986 gesagt, "dass der von Gott bestimmte Tag komme, da (die heute lebenden Generationen des türkischen Volkes) Seite an Seite mit den Armeniern für die Seelenruhe der Opfer aus unserem Volke beten werden." Diese Vision der Versöhnung zwischen den beiden Völkern, ist das Ziel des Erinnerns und Gedenkens. Zukunft gewinnen kann nur, wer die Vergangenheit nicht verdrängt.

Das entspricht unserer christlichen Tradition: Wir wissen, wie gut es tut, wenn wir uns an unsere lieben Verstorbenen erinnern können. Bei Gott hat jede/r einen Namen, wird jede/r erinnert, deswegen wird z.B. in Werther auf unseren kirchlichen Friedhof, jede/r Verstorbene mit Namen erinnert. Deswegen wurden in den französischen Alpen sorgfältig alle Opfer des Flugzeugabsturzes geborgen. Jesus Christus als der gute Hirte steht im Zentrum des morgigen zweiten Sonntags nach Ostern. Er gibt niemanden verloren, sondern sucht gerade das Verlorene. Geben wir auch die Erinnerung an die armenischen und aramäischen Opfer des Völkermords nicht verloren, sondern bewahren wir sie.

Von Silke Beier, Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Werther