Andacht zum Palmsonntag, 29. März 2015

Aufregung und gespannte Stimmung liegt in der Luft. Tausende sind in die Stadt Jerusalem gekommen um das Passahfest zu feiern. Sie haben gehört, dass Jesus kommen wird. Sein Ruf eilt ihm weit voraus. Jesus, der Kranke geheilt, ja sogar Tote auferweckt haben soll, wird gleich vor ihren Augen einziehen. Mit großem Jubel und als „Davidssohn“ wird er begrüßt. Ein Hoffnungsszenario zeichnet sich ab. Jesus befreit das jüdische Volk von den römischen Besatzern, vielleicht sogar durch einen Aufstand. Der muss der Erlöser, Gott selbst sein! Aufgeregt schwenken sie Palmzweige und singen laut: „Hosianna! Herr, hilf!“ Auf ihn hat die Welt so lang gewartet, dass er sie aus den Angeln hebe und die Herrschenden vor ihm erzittern….

Auf spektakuläre Dinge reagiert ein Volk immer und zu allen Zeiten heftig. Vor allem, wenn jemand eine neue Zeit verspricht. Das steigert die Aufmerksamkeit. Eine neue Zeit hatte auch die griechische Regierung versprochen. Deshalb wurde sie gewählt, inzwischen musste sie zurückrudern. Andere versprechen erst gar nichts mehr. Um Frieden in der Ukraine sind wir bemüht, aber inzwischen ohne Illusionen. Terrorgruppen in Syrien, im Irak, im Jemen und anderen Ländern lassen keinen Raum für Träume von einer neuen Welt.

Die Retter unserer Zeit steigen aus Flugzeugen und Limousinen und ziehen vor Pressekonferenzen. Sie geben sich als Realisten. Wir setzen unsere Hoffnung auf sie, aber ein Hosianna für Retter gibt es bisher nicht, weil die Gier der Banker und die Machtspiele der Politiker niemand wirklich reglementieren kann. Allgemeine Ratlosigkeit greift um sich. Ein ganz neuer Geist der Liebe und Erneuerung müsste her und sich durchsetzen.

Und dann kommt Jesus:
Ärmlich gekleidet, auf einem Esel zieht er vorbei. Ein König mit staubigen Füßen. Er lächelt in die Menge. Lässt sich berühren. Nichts sonst. Keine Kundgebung seinerseits. Ein König der besonderen Art, Sohn Davids. Und so heruntergekommen, – zu uns auf den Boden der Tatsachen.

Und während ich dieses Szenario reflektiere, wird mir klar, wie wenig das mit Triumph und Siegespose zu tun hat. Mir wird vielmehr klar, wer dieser Jesus ist. Und dass darin Gott wahr wird. Seine Liebe, seine Nähe, sein Erbarmen. Und so erscheint auf einmal der Palmzweig, das einstige Symbol des siegreichen Herrschers, in völlig anderem Licht. Mit Sanftmut zieht Jesus in unser Leben ein – und mit ihm die unerhörte Idee, dass der eigentliche Triumph in zärtlicher Liebe liegt. Liebe, die auch Hingabe heißt und Jesus zum Knecht aller macht und darin zum wirklichen Herren der Welt.
Das verstehen wir erst mit Blick auf Ostern, vorher nicht.

von Peter Blume, Pfarrer am Berufskolleg-Halle