Andacht zum Sonntag, Septuagesimae, 1. Februar 2015

Gott (er)kennen

Endlich ist er da, und wir können unseren Enkel Philipp auf dem Bahnhof in Bielefeld in die Arme schließen. Ganz allein ist er mit seinen elf Jahren von Stuttgart aus zu uns mit dem ICE gefahren. Aufgeregt waren offensichtlich nur die Eltern und die Großeltern. Auf die Frage seiner Mama kurz vor der Abfahrt: „Bist du denn gar nicht aufgeregt?“ meinte Philipp nur ganz cool: „Nein, ich kenne doch Oma und Opa!“

Er kennt uns! So einfach ist das Leben. Da ist so viel Vertrauen. Vertrauen ins Leben. Vertrauen zu seinen Eltern und Großeltern. Er kennt uns – und wir möchten ihn im Leben nicht enttäuschen. Nun freut er sich auf die Abenteuer an jedem neuen Tag. Und alles, was wir miteinander unternehmen, muss abends noch einmal verarbeitet werden, manchmal auch nachts.

„Wir wissen sehr wohl, mit welcher Vertrautheit wir uns durch den Tag bewegen, - aber nachts bewegt sich der Tag mit der gleichen Vertrautheit durch uns“ sagt der Schriftsteller Inger Christensen. Und so ist es auch bei Enkel Philipp.  Manchmal ruft er noch halb im Schlaf leise: „Opa!?“ Dann will er einfach nur etwas zu trinken haben oder wissen, ob wir auch da sind. Und seltsam – obwohl ich sonst nicht immer alles höre, – seine leise Stimme in der Nacht höre ich und bin sofort wach.

An einem Morgen huscht Philipp in mein Bett und fragt: „Sag mal Opa, wieso bist du immer gleich wach, wenn ich rufe?“ „Weil ich dich lieb habe!“ sage ich spontan. „Liebe macht ganz achtsam. Liebe macht, dass ich im Schlaf ein Auto draußen nicht höre, – aber dich höre ich immer.“

Philipps einfache Frage „Wieso bist Du immer gleich wach?“, und seine Feststellung: „Ich kenne doch Oma und Opa; – also brauche ich weder aufgeregt noch ängstlich zu sein“,  – lässt mich nachdenklich werden.

Und in mir regt sich die Frage: Kenne ich Gott eigentlich auch so gut? Wieviel Vertrauen habe ich ins Leben, wieviel Angst und Furcht? Was sind mir Hilfe oder Nähe, Trost oder Liebe wert? Woher nehme ich Mut und Zuversicht?

Der Maler Vincent van Gogh hat einmal gesagt: „Ich denke immer, das beste Mittel, Gott zu erkennen, ist, viel zu lieben“. Und wenn das stimmt, dann sind Philipp und ich auf dem richtigen Weg, - und auch jeder andere Mensch, der liebt. Denn die vollkommene Liebe treibt alle Furcht aus – sagt die Bibel (1. Johannesbrief 4,18)!

von Lothar Becker, Pfarrer im Ruhestand in Halle