09. November 2014 - drittletzter Sonntag des Kirchenjahres

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist schon viele Jahre her, und doch ist mir eine Begegnung im immer noch lebendig im Gedächtnis. Ich war Krankenhausseelsorger und besuchte täglich die Krankenhäuser meines Bezirks.

In einem Krankenhaus war eine ältere Dame untergebracht, der auf Grund einer schweren Rückenverletzung mehrere Monate komplette Bettruhe verordnet worden war. Da die Dame in ihrem Leben sehr aktiv war, wurde diese Situation für sie von Tag zu Tag immer unerträglicher. Und auch mir fiel es mit der Zeit schwer, Hoffnung und Mut zu wecken.

Jedes Mal auf dem Weg zu ihrem Zimmer kam ich an einem Aufenthaltsraum vorbei, in dem ein offensichtlich querschnittsgelähmter Mann am Fenster saß. Jeden Tag saß er da, und schaute aus dem Fenster. Ich grüßte, er grüßte, und ich ging weiter zu der Patientin.

An einem Tag konnte ich die ältere Dame nicht sofort besuchen, da die Pflegekräfte ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen hatten. Ich ging zurück zu dem Aufenthaltsraum. Und da saß er wieder; der Mann, von dem ich an diesem Tag erfuhr, dass er vom Hals abwärts bewegungsunfähig war. Ich stellte mich vor und wir kamen ins Gespräch. Jeden Tag saß er an dem Fenster im ersten Stock des Krankenhauses und betrachtete von dort aus die Natur.

Er lenkte meinen Blick auf ein Beet mit Sommerblumen. „Die Blumen habe ich alle wachsen sehen“, teilte er mir mit einen milden Lächeln mit. „Haben Sie schon einmal gesehen, wie ein Maulwurf einen Erdhügel aufwirft?“, fragte er und blickte auf eine Wiese mit Maulwurfshügeln. Er schilderte mir die blühenden Bäume, als könnte ich sie nicht selber sehen. Aber tatsächlich, ich hatte sie gar nicht wirklich wahrgenommen in meiner Geschäftigkeit. Und dann schloss er seine Schilderungen mit der Frage: „Hat der liebe Gott das nicht schön gemacht?“ Schließlich ging ich in das Zimmer der älteren Dame. Aber ich war gestärkt. Gestärkt von den Wundern Gottes.

Was für ein Gott! Was für ein Gott, der sich eine Schöpfung ausgedacht hat, in der auch ein Mensch, der in seinem Leben so eingeschränkt ist, seine Wunder erkennen und sich daran freuen kann. Was für ein Gott, der seine Wunder auch da in die Tat umsetzt, wo wir es gar nicht vermuten.

Die Begegnung mit dem Mann, von dem ich nur noch seinen Vornamen weiß, hat mich reich gemacht. Es war eine prägende Begegnung, die mir gezeigt hat, wie reich Gott uns mit seiner Schöpfung macht. 

von Rüdiger Schwulst, Schulpfarrer am CJD in Versmold