06. April 2014, Judica

„ICH KENNE EINEN...“

Die Betrachtung des Leidens Christi und des Kreuzes in der Passionszeit will uns hinführen in ein Mitfühlen, Mitleben, Mithoffen mit Christus. Der Theologe und Poet Lothar Zenetti schrieb dazu folgende provozierende Worte über die Passion Jesu Christi:

„ICH KENNE EINEN,
der ließ sich von uns die Suppe versalzen,
der ließ sich von uns die Chancen vermasseln,
der ließ sich von uns das Handwerk legen,
der ließ sich von uns für dumm verkaufen,
der ließ sich einen Strick drehen,
der ließ sich an der Nase herumführen,
der ließ sich übers Ohr hauen,
der ließ sich von uns kleinkriegen,
der ließ sich von uns in die Pfanne hauen,
der ließ sich von uns aufs Kreuz legen,
der ließ sich von uns Nägel mit Köpfen machen,
der ließ sich zeigen, was ein Hammer ist,
der ließ sich von uns festnageln auf sein Wort,
der ließ sich seine Sache was kosten,
der ließ sich sehen am dritten Tag,
der konnte sich sehen lassen.“

Lothar Zenetti kennt Jesus Christus. Und das ist das Wichtigste an seinen Worten. Nicht allein das Wissen um die Passion als dem Leiden und Sterben von Jesus Christus ist wichtig. Sondern was wirklich zählt, ist:
Ich kenne einen, der sich auf meine Schuld festnageln lässt. Der mir das abnimmt, was mein Leben schwer macht und mich niederdrückt. Der an mich gedacht hat, als er rief: „Es ist vollbracht.“

Es stimmt, was der alttestamentliche Prophet Jesaja geschrieben hat:
„Wegen unserer Vergehen wurde er gequält und wegen unseres Ungehorsams geschlagen. Die Strafe für unsere Schuld traf ihn, und wir sind gerettet. Durch seine Wunden wurden wir geheilt.“ (Jesaja 53,5)

Ich wünsche Ihnen diese Erkenntnis der Leidensgeschichte Jesu: Karfreitag ist kein Trauertag, sondern ein Tag, den ich feiern darf, weil Jesus Christus mich von meiner Schuld befreit hat.  Im englischen Sprachraum heißt der Karfreitag wohl deshalb auch „Good Friday“.

Gott segne Sie und Ihre Lieben.
Ihr Lothar Becker

Lothar Becker ist Pfarrer i.R. und lebt in Halle.