22. Dezember 2013 - 4. Advent

Rote Äpfel

Samstagmorgen auf dem Wochenmarkt. Endlich bin ich einmal gut in der Zeit: Der Weihnachtsbaum ist schon gekauft. Sogar Kerzen habe ich schon. Fehlen nur noch schöne, tiefrote Äpfel. Denn, wo an anderen Bäumen glitzernde Kugeln hängen, gibt es bei uns rote Äpfel. Sie müssen jedoch auch Stiele haben. Denn sonst kann ich sie nicht mit Faden und Schleife am Baum befestigen. Ich prüfe also jeden Apfel, ob er vollständig ist. Die Marktfrau beobachtet mich mit wachsendem Interesse. „Meinen Sie wirklich, dass die mit Stiel besser schmecken?“ Ich antworte schmunzelnd, dass ich die Äpfel an den Weihnachtsbaum hängen möchte. Da guckt sie mich verblüfft an. Als wollte sie sagen: „Das ist ja noch verrückter!“

Gute Frage, warum gehören die Äpfel eigentlich an den Weihnachtsbaum? Sie erinnern an Adam und Eva. Am 24. Dezember ist ihr Gedenktag. Bevor zu Weihnachten mit der Geburt von Jesus eine neue Zeit beginnt, geht die Aufmerksamkeit noch einmal auf den Anfang. In den Kirchen wurde wurden deshalb früher Bäume mit Äpfeln aufgestellt. Wie der Baum im Paradies, an dem die verbotenen Früchte hingen. Geheimnisvoll. Verlockend. Eva konnte ihnen nicht widerstehen. Sie verführte Adam. Und beide genossen, was Gott ihnen verboten hatte.

Die Äpfel am Weihnachtsbaum müssen deshalb verführerisch leuchten. Rot wie die Sünde. Jedem muss das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Früchte müssen zum Zugreifen verführen. Aber das ist natürlich streng verboten! Vor dem Ende des Weihnachtsfestes darf der Baum nicht geplündert werden!

Und warum ist es nach Weihnachten erlaubt? Die Äpfel zeigen, was sich durch Jesus in der Welt verändert hat. Für Christinnen und Christen gibt es keine verbotenen Speisen mehr. Ich brauche keine äußerlichen Rituale zu befolgen. Sondern es kommt auf die innere Haltung an, mit der ich etwas tue. Zum Beispiel, ob ich respektvoll mit meinen Mitmenschen umgehe. Wie die Marktfrau, die meinen Wunsch zwar etwas seltsam fand. Aber die trotzdem verstehen wollte, warum mir die Äpfel mit Stiel so wichtig waren.

von Dr. Sven Keppler, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Versmold