15. Dezember 2013 - 3. Advent

Heiligabend 2012. Das Wohnzimmer war verschlossen, das Türglas mit einem Tuch bedeckt. Eine kleine Glocke zeigte den Beginn der Bescherung an. Als Erste kam unsere jüngste Enkelin ins Zimmer. Sie sah
den Tannenbaum mit den brennenden Kerzen und blieb gebannt stehen – mit offenem Mund, gefühlte zwei bis drei Minuten. Sie staunte und sagte nur „Ooh“.

Diesen Augenblick werde ich nie vergessen. Er war für mich der Höhepunkt des Weihnachtsfestes. Denn die Reaktionen der Zweieinhalbjährigen zeigten, worum es Weihnachten geht.   

Wir feiern die Geburt Jesu von Nazareth und damit die Geburt des Kindes, in dem wir den Sohn Gottes sehen. Dass Gott Mensch wurde, ist unfassbar. Dass Gott in Jesus von Nazareth unter erbärmlichen Umständen zur Welt kam, ist unglaublich. Dass Gott so hilflos und zerbrechlich wie ein Neugeborenes sein soll, kann auch bei uns Erwachsenen eigentlich nur ein Staunen und ein „Ooh“ hervorrufen.

Das Unbegreifliche geht im Leben Jesu weiter. Einen festen Wohnsitz hatte er nicht. Immer wieder zog es ihn zu Außenseitern, Kranken, Behinderten, Sünderinnen und Sündern. Von seinen Jüngern wurde er im Stich gelassen, verleugnet, verraten. Er starb am Kreuz.

Dieser Jesus von Nazareth soll der Sohn Gottes sein!? Schwer zu verstehen. Doch als Christen glauben wir an einen Gott, der sich in Jesus Christus zeigt und in unsere Welt hineinbegibt, weil er uns nahe sein will und uns liebt.

Die Wohnzimmertür wird auch in diesem Jahr vor der Bescherung Heiligabend verschlossen und mit einem Tuch bedeckt sein. Ähnlich wie die Tür zum Glauben. Gott muss sie uns öffnen - und wir uns ihm. „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.“ Die Liebe Gottes will ich auch in diesem Jahr feiern – Zuhause, im Kreis der Familie und im Gottesdienst.

Ich wünsche Ihnen und mir, dass die Menschwerdung Gottes auch uns ein „Ooh“ entlockt, und wir über sie staunen und reden können und wollen.

von Pfarrer Heinz-Jürgen Luckau, Pfarrer i.R. in der Evangelischen Kirchengemeinde in Steinhagen