04. Juli 2013 - 10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag)

Lieblingskinder?

Wenn unser Nachbar von seinen Kindern redet, spricht er sehr häufig von seiner Lieblingstochter oder seinem Lieblingssohn. Irgendwie bin ich dann immer besonders gespannt, weil ich erwarte, dass er auch irgendwann von den Kindern redet, die eben nicht seine Lieblingskinder sind. Dem ist aber nicht so, denn außer den dazugehörenden Lieblings-Schwiegerkindern hat er keine weiteren Kinder. Also wo liegt der tiefere Sinn in diesem rhetorischen Kunstgriff?

Vielleicht in dem besonderen Bezug zu den eigenen Kindern. Darin, dass diese Kinder gewünscht und geliebt werden, egal was kommt. Auch wenn diese Kinder ihre eigenen Wege gehen. Wege, die von den Eltern manchmal kritisch betrachtet werden.

Wer sind eigentlich die Lieblingskinder Gottes? Viele Muslime denken, dass sie die wahre Religion haben. Und dass Gott für sie und gegen die anderen ist. Natürlich denken auch Christen häufig nicht anders und stellen sich über andere. Aber sind nicht die, die zum Volk Israel gehören, Gottes Lieblingskinder. Schließlich hat Gott sein Volk Israel aus Ägypten geführt. Wer die Bibel jedoch im Ganzen liest, merkt schnell, dass kein Volk einen Exklusivanspruch auf Gottes Liebe hat. Schon in der Erwählung Abrahams sagt Gott ausdrücklich, dass er alle Nationen auf Erden durch ihn segnen will. Alle Menschen, alle Völker, sollen erfahren, wie gut und heilbringend es ist, wenn wir Gott die Herrschaft über uns einräumen: „Wohl dem Volk, dessen Gott der HERR ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!“ (Psalm 33,12) In diesem Sinne besteht Gottes Volk aus Mitgliedern aller Völker. Juden und Araber, Russen und Deutsche, Afrikaner und Asiaten und alle anderen sind Gottes Kinder.Ist das der tiefere Sinn in der Rede meines Nachbarn von seinen Lieblingskindern? So wie Gott es mit den Völkern hält, so hält er es auch mit seinen Kindern.

Der heutige Sonntag wird in der kirchlichen Tradition Israelsonntag genannt. Er soll dazu dienen, in ganz besonderer Weise an das Volk Israel zu denken. Das ist auch gut so, denn es erinnert die Christen daran, was sie mit den jüdischen Geschwistern gemeinsam haben:

  • das Vertrauen auf den einen Gott,
  • das von der Liebe bestimmte Verhalten zu unseren Mitmenschen und
  • die Hoffnung auf eine durch Gott bestimmte Zukunft.

Peter Blume ist Pfarrer am Berufskolleg im Kirchenkreis Halle