19. Mai 2013 - Pfingsten

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen."

Die Jünger hatten Mauern um sich gebaut – im wahrsten Sinne des Wortes. Eingemauert, ängstlich, traurig saßen sie in einem Raum in Jerusalem. Ängstlich, traurig, in sich gekehrt. Mauern geben auch Sicherheit. Ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Ich bin auch im Dunkeln in meiner kleinen Welt noch trittsicher. Mauern schotten nicht nur ab, sie schützen auch. In diese Mauern bricht nun plötzlich das ein, was wir heute noch das Pfingstwunder nennen. Der Geist Gottes nimmt Kontakt zu den Verzweifelten hinter ihren Mauern auf.

Und nun hatten die Jünger damals im Grunde genommen nur zwei Möglichkeiten. Bleiben oder aufbrechen? Das ist letztendlich auch die Frage der Reformation gewesen: bleiben oder aufbrechen. Die Jünger sind aufgebrochen, Und die Frage stellt sich uns heute in gleicher Deutlichkeit: bleiben oder aufbrechen. Wir können uns sicher noch ein paar Jahre hinter den Mauern unserer religiösen Sicherheit, aber auch hinter den Mauern unserer religiösen Selbstgefälligkeit verstecken. Nur: Wir werden irgendwann hinter diesen Mauern kein Leben mehr finden. Überschaubare Räume, überschaubare Zahl von Menschen. Die vermeintliche Sicherheit ist trügerisch und wird zum Gefängnis. Bleiben?

Oder wir lassen uns anstecken von diesem Geist Gottes, der lebendig ist und uns in Bewegung bringt. Wir hängen dann nicht unsere Fahne in jeden Wind, der gerade bläst, sondern werden zum Wind, der die Fahne in Bewegung hält. Aufbrechen?

Es braucht Mut, ein selbst gebautes Gefängnis zu verlassen. Mut in unseren Gemeinden, Mut in unseren Kirchen.
Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen. Hinter Mauern zerstört sich das Leben selbst, mit den Windmühlen bekommt es jeden Tag den Schwung und die Kraft des Geistes Gottes. Also: Aufstehen, Mauern einreißen, Windmühlen bauen!

Martin Liebschwager ist Pfarrer der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Harsewinkel