03. März 2013 - Okuli

Kennen Sie Neu-Seh-Land? Unter diesem Namen arbeiten in Hessen mehrere Augenoptiker-Filialen. Mir gefällt dieser Name. Es ist ein bekannter Begriff, der durch eine kleine Änderung einen völlig neuen Sinn erhält. Neu-Seh-Land – das klingt viel versprechend. Dabei werden dort nur Sehhilfen angeboten – Brillen, Kontaktlinsen, Ferngläser oder Lupen. Eben alles, was mir hilft, um besser zu sehen.

Wer in Neu-Seh-Land war, sieht nichts Neues. Er sieht nur das mit anderen Augen, was vorher schon da war. Denn eine Sehhilfe verändert die Welt nicht. Die Buchstaben werden nicht größer, die Entfernungen nicht geringer und die Farben nicht schöner. Mit einer Sehhilfe kann ich die Dinge nur besser sehen. Ich kann Menschen früher erkennen, das Loch in der Nadel leichter treffen, die kleine Schrift deutlicher sehen. Ich sehe die Wirklichkeit mit anderen Augen.
Solch eine Sehhilfe bekommen wir auch mit diesem Sonntag. Er heißt „Okuli“ und hat seinen Namen von einem Bekenntnis aus den Psalmen: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“ (Ps 25,15)

Dieser Blick braucht Mut. Denn wenn ich Gott anschaue und über ihn nachdenke, sehe ich die Wirklichkeit mit anderen Augen. Ich erkenne die Wahrheit über Gott und über mich selbst. Ich entdecke, wie groß er ist – und wie klein ich bin! Ich sehe, wie er mich geführt und bewahrt hat – und wie oft ich ihn schon vergessen habe! Ich begreife, dass ich vor Gott nicht bestehen kann – und ihn trotzdem anschauen darf! Er versteckt sich nicht vor mir. Im Gegenteil: Er hat mich immer schon angeschaut. Trotz allem ruhen seine Augen voller Liebe auf mir. Das habe ich nicht verdient. Aber dieser Blick tut mir gut.

„Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“ Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Wirklichkeit neu erkennen. Und selbst entdecken, mit wieviel Liebe Gott Sie ansieht und trägt. Das ist nicht nur eine Sehhilfe, sondern eine Lebenshilfe. Das ist wirklich Neu-Seh-Land.

Olaf Wahls, Steinhagen
Prediger der Landeskirchlichen Gemeinschaften im Bezirk Bielefeld