23. September 2012 - 16. Sonntag nach Trinitatis

Partnerschaft trotz Ungleichheit?

Partner begegnen sich auf Augenhöhe; denn Gleichberechtigung und Selbstbestimmung sichern ihre gegenseitige Unabhängigkeit. So weit, so gut. Nur bleibt die Wirklichkeit hier allzu oft hinter dem hehren Anspruch zurück. Selten sind ja Partner tatsächlich gleich stark. In der Regel besteht zwischen ihnen deshalb eben doch ein mehr oder weniger deutliches Machtgefälle. Trotzdem ist natürlich jeder Versuch, zwischenmenschliche Beziehungen auf den Gedanken prinzipieller Ebenbürtigkeit zu gründen, unbedingt zu begrüßen.

Dass Menschen bei aller Verschiedenheit vor Gott gleich sind, bildet eine tief in der Bibel verwurzelte Glaubensüberzeugung. Sie wurde im christlich geprägten Abendland zwar durch die soziale Realität weitgehend verdeckt, schuf sich aber dennoch immer wieder, beispielsweise in Bruderschaften und Klostergemeinschaften, konkrete Ausdrucksformen.

Aktuell spielt das Partnerschaftsmodell in der ökumenischen Bewegung eine Schlüsselrolle. Die europäischen „Mutterkirchen“ haben nämlich inzwischen erkannt und erkennen an, dass ihre ehedem durch Mission und Auswanderung in Übersee entstandenen „Tochterkirchen“ längst „erwachsen“ geworden sind und von ihnen als ihresgleichen behandelt werden wollen. Folglich verbieten sich Einflussnahmen auf deren innere Angelegenheiten als mit ihrer Eigenständigkeit unvereinbare Bevormundung.

Soweit die Theorie. In der Praxis jedoch bereiten die ganz andersartigen Lebensbedingungen der Christenheit hier und dort einem echten partnerschaftlichen Verhältnis nicht geringe Schwierigkeiten. Allein schon für die Aufrechterhaltung, geschweige denn für den Ausbau ihrer Arbeit bleiben viele der sogenannten jungen Kirchen auf ausländische Unterstützung dringend angewiesen.

Das trifft auch für die Evangelische Kirche am La Plata zu. Sie geht auf deutsche Einwanderer aus dem 19. Jahrhundert zurück und hat lediglich 40.000 Mitglieder in 42 Gemeinden, verstreut über die riesige Fläche der Länder Argentinien, Uruguay und Paraguay. Mit ihrem Kirchenkreis Misiones, im Nordosten Argentiniens gelegen, ist der Evangelische Kirchenkreis Halle 1993 eine offizielle Partnerschaft eingegangen. Gestalt gewinnt sie seither vor allem vermittels persönlicher Kontakte, die durch gegenseitige Besuche und (landeskirchenweite) Austauschprogramme geknüpft und vertieft werden. Erst im Juni vergangenen Jahres  war eine Delegation aus dem südamerikanischen Land beim Kreiskirchentag zu Gast, und für das nächste Jahr ist umgekehrt ein Gegenbesuch geplant. Zudem arbeitet gegenwärtig eine junge Argentinierin in der Kirchengemeinde Steinhagen mit; sie ist bereits die vierte Freiwillige, die in den hiesigen Kirchenkreis entsandt wurde.

Solche Begegnungen zeigen, dass partnerschaftliches Geben und Empfangen selbst dort möglich und für beide Seiten ein unschätzbarer Gewinn sind, wo die materiellen Voraussetzungen sich überhaupt nicht miteinander vergleichen lassen.

Gerade dies möchten einige Gemeinden im Evangelischen Kirchenkreis Halle am Sonntag, 23. September, sowie am 30. September feiern: mit einem Partnerschaftsgottesdienst. Herzliche Einladung dazu!

von Hartmut Splitter,  Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde in Werther