01. Juli 2012 - 4. Sonntag nach Trinitatis

In diesen Tagen beginnen in unserem Bundesland die Sommerferien; für viele Menschen damit der langersehnte Urlaub. Das Wort „Urlaub“ weckt in jedem und jeder angenehme Gefühle und Erinnerungen. Mit Urlaub verbinden wir Ruhe, Entspannung, Erholung und Freisein von Arbeit und Pflicht.

Seinen Ursprung hat dieses Wort im mittelhochdeutschen „erlauben“. Die Herrschaft erlaubt dem Untertan, sich vorübergehend vom Dienst zu entfernen. Als im Jahr 1873 für die Reichsbeamten die unbezahlten Ferien eingeführt wurden und kurz vor dem ersten Weltkrieg der bezahlte Urlaub, der seit 1918 auch der Arbeiterschaft gewährt wurde, erhielt dieses Wort seine heutige Bedeutung. Befreiung für eine gewisse längere Zeit von der Last der Arbeit; die Möglichkeit, einmal aus dem Alltagstrott auszusteigen, um zu sich selbst zu kommen. Was für ein Geschenk! Was für eine Wohltat!

Zu sich selbst kommen, aussteigen aus dem Alltagstrott, all das sagt sich aber so leicht. Wenn es denn so einfach wäre… Wir kennen uns nur zu gut und wissen, wie schwer das ist. Allein die Entfernung von unserer Arbeitsstätte und all dem, was vielleicht belastendes darin liegt, ist es noch nicht, das uns den nötigen Abstand verschafft. Ich nehme mich immer mit, soweit ich auch reise! Ich bin dann zwar woanders, aber ich bin immer noch derselbe oder dieselbe. Wie schaffe ich es, einmal ganz bei mir selbst zu sein? Das gelingt nur, wenn wir zu uns selbst in Distanz treten. So seltsam das klingt, aber es ist wahr: Um zu sich selbst zu kommen, müssen wir uns selbst vergessen können.

Der Schlüssel dazu liegt vielleicht gar nicht so weit entfernt: „Er ist außer sich vor Freude“, sagen wir und meinen damit: In der Freude kann ich mich vergessen. Vielleicht ist das auch ein hilfreiches Gleichnis für die Urlaubszeit: In der Freude über die erfahrene Bewahrung oder beglückende Begegnungen mit Menschen, in der Freude über die geschenkte Zeit und die Wiederentdeckung der Schöpfung kann ich mich selbst vergessen. So wird solch eine Freude für uns zum Gleichnis für unseren Glauben: Nirgendwo kann ich mich besser vergessen und damit auch finden, als in Gott. Indem ich ihn, den Ursprung allen Lebens, den Erfinder meines Lebens, entdecke, erschließt sich mir auch die Welt. Ich kann sie erfahren und in mir aufnehmen. Allen voran erschließen sich mir dann auch meine Mitmenschen.

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Urlaubszeit, in der Sie diese geheimnisvolle Erfahrung mit der Freude machen, und so gestärkt aus der Urlaubszeit zurückkehren an Ihren Wohnort.

Ihr
Walter Hempelmann


Walter Hempelmann ist Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Halle.